Den Nutri-Score kannten wir bereits, nun gibt es auch den EU-Score. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein einfaches, objektives und für alle verständliches Bewertungssystem, mit dem sich feststellen lässt, ob eine Software wirklich europäisch ist. Wir haben uns mit Olivier Rohou, seinen Mitbegründer, um zu verstehen, wie diese Initiative entstanden ist und was sie konkret für die Unternehmen bedeutet.
Das Problem: Wie lässt sich feststellen, was wirklich europäisch ist?
Die digitale Souveränität Europas ist in aller Munde. In der Praxis ist es jedoch manchmal ein echter Hindernislauf, eine echte europäische Cloud-Lösung von einer Lösung zu unterscheiden, die sich lediglich darauf beruft, diese zu sein. Manche Tools werden als europäisch präsentiert, obwohl sie von Infrastrukturen, Anteilseignern oder Quellcode außerhalb Europas abhängig sind. Andere nutzen das Image der Neutralität aus, ohne diese jemals unter Beweis zu stellen.
Genau diese Erkenntnis hat Olivier Rohou, einen Tech-Unternehmer, der sein Unternehmen an ein Scale-up verkauft hat – nämlich 360Learning –, dazu veranlasst, den EU Score zu entwickeln. Die Grundidee ist einfach, aber sehr ehrgeizig: die Schaffung eines gemeinsamen, klaren und weiterentwickelbaren Referenzrahmens zur Bewertung der digitalen Souveränität einer Software.
Angesichts der Praktiken der USA – extraterritoriale Rechtswirkung, Dominanz der Big-Tech-Unternehmen und wachsende Bedenken hinsichtlich der digitalen Souveränität – versuchen die Europäer, sich von der US-Technologie unabhängig zu machen. Und manche Akteure nutzen diesen Wunsch nach Veränderung aus, um den Anschein zu erwecken, sie seien europäisch. Es war dringend notwendig, einen Analyserahmen zu schaffen, der es jedem – vom Tech-Experten bis zur breiten Öffentlichkeit – ermöglicht, leicht zu erkennen, ob eine Lösung europäisch ist oder nicht und inwieweit dies der Fall ist.
Der EU-Score: Der Nutri-Score für die Tech-Branche
Der Nutri-Score, der in mehreren europäischen Ländern eingeführt wurde und von mehr als 250 Millionen Verbrauchern genutzt wird, hat gezeigt, dass ein einfaches Bewertungssystem das Verhalten in großem Maßstab verändern kann. Der EU Score greift genau diese Logik auf und wendet sie auf Software an.
Konkret erhält jede bewertete digitale Lösung anhand mehrerer objektiver und messbarer Kriterien eine Note von AAA bis C. Das Tool ist online verfügbar unter eu-score.tech und ermöglicht es sowohl Unternehmen als auch Privatpersonen, nach europäischen Alternativen zu ihren alltäglichen Tools zu suchen: von E-Mail über Cloud-Anbieter bis hin zu Video-Streaming.
Die 6 Kriterien im Detail
Die Bewertungsmethode stützt sich auf sechs Säulen, die regelmäßig von einem aus Branchenexperten bestehenden Aufsichtsgremium aktualisiert werden:
- Beschäftigte: Wo sind die Mitarbeiter des Unternehmens ansässig? Der Anteil innerhalb der Europäischen Union ist ein deutliches Zeichen für die tatsächliche Verankerung des Unternehmens.
- Aktionäre: Wer hält das Kapital? Ein außerhalb Europas ansässiger Hauptinvestor birgt das Risiko einer strategischen Abhängigkeit.
- Digitale Dienstleister: Welche Lösungen nutzt das Unternehmen selbst? Ein Unternehmen, das Souveränität predigt, aber gleichzeitig mit Teams oder AWS arbeitet, sendet ein widersprüchliches Signal aus.
- Server: Welche Staatsangehörigkeit hat der Hosting-Anbieter? Selbsthosting und das Hosting durch einen europäischen Anbieter werden bevorzugt. Entscheidend ist die Staatsangehörigkeit des Cloud-Anbieters und nicht lediglich der physische Standort der Daten, der den Zugriff durch Drittstaaten nicht verhindert.
- Europäische Werte: Hält sich das Unternehmen an die CSR- und Diversitätsverpflichtungen, die als europäische Werte definiert sind?
- Quellcode: Wer pflegt den Code? Ein Open-Source-Projekt, das von Akteuren außerhalb Europas gepflegt wird, bleibt eine Abhängigkeit – das bezeichnet Olivier Rohou als die’Open-Source-Washing.
„Sovereignty Washing“: Sich nicht mehr täuschen lassen
Der EU-Score spiegelt ein gut dokumentiertes Phänomen wider: das sovereignity washing. Tools, die als “datenschutzfreundlich” oder als “Alternative zu den GAFAM” werden in Wirklichkeit von amerikanischem Kapital finanziert, außerhalb Europas gehostet oder sind von einem Quellcode abhängig, über den sie keine Kontrolle haben.
Der Ansatz ist weder ein Boykott noch Protektionismus. Wenn eine nicht-europäische Office-Suite für ein Unternehmen unverzichtbar ist, ermöglicht das Bewertungssystem zumindest einen objektiven Vergleich der verfügbaren Optionen und die Ermittlung derjenigen, die die europäischen Kriterien am besten erfüllt. Eine fundierte Entscheidung zu treffen, ist bereits ein Fortschritt.
Das ist keine Politik, sondern Transparenz. Das Problem ist, dass wir immer noch mit Marketing konfrontiert sind, das den Eindruck vermittelt, dass Lösungen speziell für Europa entwickelt wurden, obwohl das nicht der Fall ist.
Anlässlich des Jubiläums des Vereins EU Score stellt dieser heute die „EU Tech 300“ vor: ein Ranking von 300 softwareorientierten europäischen Tech-Unternehmen, unterteilt in rund hundert Kategorien, das darauf abzielt, Lösungen zu identifizieren, die es Europa ermöglichen, seine technologische Souveränität zu erlangen. Eine bewusste Anspielung auf den „French Tech 120“ – allerdings auf europäischer Ebene und mit noch größeren Ambitionen.
Cloud Temple belegt Platz 1 in der Kategorie „Cloud Computing“ des EU Tech 300 – ein Ergebnis seines langjährigen Engagements für eine souveräne Infrastruktur, die von der ANSSI als „SecNumCloud“ zertifiziert wurde.
Und morgen? Die Ziele von „Le Score“
Der EU-Score ist ein dynamisches Instrument. Ein nach Branchen, Ländern und Organisationstypen gegliederter Überwachungsausschuss ist dafür zuständig, Änderungen der Kriterien vorzuschlagen und darüber abzustimmen. Zu den Parametern, über die derzeit nachgedacht wird, gehört: die Berücksichtigung des Volumens der mit außereuropäischen Lieferanten abgeschlossenen Verträge, um die aus der Europäischen Union abfließenden Finanzströme in Echtzeit zu quantifizieren.
Langfristig besteht das Ziel darin, den Referenzrahmen auf die Hardware und anschließend auf weitere Branchen außerhalb des Technologiebereichs auszuweiten.
Cloud Temple, ein als „SecNumCloud“ zertifizierter Anbieter für digitale Souveränität, unterstützt Unternehmen und Organisationen, die ihre Infrastruktur an ihren Verpflichtungen im Bereich der digitalen Souveränität ausrichten möchten.
Entdecken Sie das Angebot zur souveränen Cloud